“Desintegriert euch!” – ein Essay von Max Czollek und was wir damit zu tun haben

Den Essay „Desintegriert Euch!“ von Max Czollek habe ich vor einigen Wochen gelesen, und seither geht er mir nicht aus dem Sinn. Ein absolut lesenswertes Buch. Der Autor beschreibt seinen Text als „Versuch, das deutsche Bild von den Juden zu analysieren – und zu fragen, was überhaupt die lebenden Juden und Jüdinnen mit diesem Bild zu tun haben. Ich glaube nämlich, dass die öffentliche Repräsentation von Juden und Jüdinnen mehr über die Selbstwahrnehmung der deutschen Gesellschaft verrät als über das Judentum.“ Hiervon und davon, wie in Deutschland über Zugehörigkeit gesprochen wird, handelt das Buch.
Max Czollek stellt das Konzept des von Y. Michal Bodemann entwickelten Gedächtnistheaters zur Beschreibung einer Interaktion zwischen deutscher Gesellschaft und jüdischer Minderheit vor, in der die dominante Mehrheitsgesellschaft der jüdischen Minderheit die Rolle zuweist, ihre eigene Wiedergutwerdung zu bestätigen.
Eine deutsche Mehrheitsgesellschaft, die zunehmend unbekümmerter einem nationalen Wir-Gefühl frönt, das völkische Züge hat, insofern es Minderheiten (religiöse, kulturelle, ethnische…) ausschließt oder auch vereinnahmt – letzteres u.a. in der Behauptung einer „jüdisch-christlichen Tradition“, die jahrhundertelange Diskriminierung und staatlichen Mord begrifflich ausklammert.
Eine vergleichbare deutsche Dominanzposition wie gegenüber Juden sieht Max Czollek auch im Umgang mit „Muslim*innen, die sich permanent zu Geschlechterrollen, Terror und Integration äußern müssen“.
In diesem Kontext kritisiert der Autor das Integrationsparadigma, worunter er die Konstruktion eines kulturellen und politischen Zentrums versteht, das sich implizit oder explizit als deutsch versteht, wie zum Beispiel die Behauptung einer deutschen Leitkultur.
Demgegenüber fordert er die Anerkennung der realen gesellschaftlichen Vielfalt und damit die Überwindung einer Dominanzkultur, die Juden, Muslimas, etc. marginalisiert. Der Aufruf zur Desintegration zielt auf die „grundlegende Reflexion des Verhältnisses zwischen deutscher Dominanzkultur und ihren Minderheiten. Desintegration bedeutet, die Rollen kritisch zu reflektieren, die jede und jeder in diesem Spiel einnimmt.“
Der Autor wirbt für eine Gesellschaft jenseits des Integrationsparadigmas, für neue Allianzen zwischen „deutschen“, migrantischen, postmigrantischen, jüdischen und muslimischen Menschen im Kampf gegen die Neuen Rechten.
Das Buch besticht mit einer scharfen Analyse aktueller und historischer politischer, kultureller, wissenschaftlicher und literarischer Diskurse und der Herausarbeitung von Traditionslinien, aber auch mit der Reflexion eigener Gespräche, Diskussionen und Emotionen.
Spannend und sehr lehrreich finde ich darüber hinaus die Kapitel, die sich im letzten Drittel des Essays mit den desintegrativen Potenzialen von Kunst und Kultur, mit innerjüdischer Vielfalt und (symbolischer) Rache als Selbstermächtigung beschäftigen und dabei sowohl die Arbeiten einer Vielzahl von KünstlerInnen vorstellen als auch die eigene literarische Arbeit reflektieren.
Ich teile das radikale Unbehagen mit einem kulturhegemonial verstandenen Begriff von Integration und verwende das Wort daher selbst sparsam.
Zugleich glaube ich, ausgehend von unserer täglichen Arbeit mit geflüchteten Frauen, dass man den Begriff nicht komplett über Bord werfen, sondern anders besetzen sollte, wie es in vielen Unternehmen, Einrichtungen, Behörden, Netzwerken, Forschungsprojekten faktisch auch schon der Fall ist. – Auch hier ist die Realität kulturkonservativen deutschtümelnden Diskursen weit voraus.
Sinnvoll halte ich den Begriff der Integration für die gesamthafte Benennung, Förderung und Wertschätzung derjenigen Aktivitäten, die notwendig sind, um mich in einem anderen Land im Alltag zurecht zu finden und meinen Lebensunterhalt bestreiten zu können – und zwar seitens der gesamten Gesellschaft. Das umfasst z.B. das Erlernen der Nutzung des ÖPNVs; das Wissen um behördliche Prozedere und Regeln im Umgang mit Jobcenter, Sprachschule, Ausländerbehörde, Kindergarten etc.; die Verinnerlichung der Tatsache, dass Energie in Deutschland tatsächlich teuer ist; das Verständnis dafür, dass es in Zeiten von Industrie 4.0 so gut wie keine ungelernten Tätigkeiten mehr in Industrieunternehmen gibt; die Erkenntnis, dass in einer Marktwirtschaft Unternehmen entscheiden, wen sie einstellen und nicht der Staat, dass es aber möglich ist, eine Einstiegsstelle zu finden, wenn man die Spielregeln einhält, die man aber auch erstmal kennen und einüben muss, etc. pp.
Integration umfasst aber nach meinem Verständnis genauso die Bereitschaft derer, die sich als gesellschaftliche Mitte oder Mehrheit fühlen, auf diejenigen zuzugehen, die ihnen fremd erscheinen, zuzuhören, auf Augenhöhe zu sprechen, die andere und die eigene Person hinter ihren Gruppenzugehörigkeiten zu erkennen und sich dessen gewahr zu sein, dass die Reduzierung eines Individuums auf die Zugehörigkeit zu einer Minderheit vor allem eines befördert: Gewalt.